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Eduard Jacob von Steinle:
"Madonna unter den Blüten"
Original, Kopie oder Fälschung ?
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Flohmarkt am Rhein
Frühjahr 2010, Aberhunderte von Besuchern werden dieses Madonnenbild (oben
links) den ganzen Tag über schon gesehen haben.
Auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich mit den bekannten gerahmten
Drucken von Heiligen- und Madonnenbildern, wie sie sonst oft auf
Flohmärkten zu finden sind (Ein Beispiel: Bild oben u. rechts). Bei
näherem Hinsehen jedoch zeigt es sich, dass es ein echtes Ölgemälde ist.
Freunde konnten es für einige Euro glücklich mit nach Hause nehmen. Ich
habe es mir dann näher angesehen.
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Das Gemälde selbst ist völlig unbeschädigt und
soll, so das ältere Verkäuferehepaar, die letzten 30 Jahre in ihrem
Schlafzimmer gehangen haben. Die Leinwand ist auf einem kartonartigen
Material aufgebracht. Auf dem Rahmen, ebenfalls noch relativ gut erhalten,
zeigt sich an einigen Stellen unter dem silbernen Überzug eine
zinnoberrote Grundierung. Der bemalte Leinenkarton wurde offensichtlich
niemals aus dem Rahmen herausgenommen. Lediglich wurde am Rahmen auf der
Rückseite eine ehem. Kordelaufhängung durch zwei kleinere Bildhalterungen
ersetzt.
Die Maße des Bildes: 69 x 89 cm.
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Das Monogramm
"18 STE 84" verweist bei Pfisterer auf den Maler "Eduard (Jacob) von Steinle", geb.
2.7.1810 Wien, gest.18.9.1886 Frankfurt a. M.
In einigen Lexika und auch von seinem Sohn Alphons M. v. Steinle, wird er
auch später Edward statt Eduard genannt. Unter diesem
Monogramm ist ein
kleines "c" hinzugefügt, es kann möglicherweise "copy" heißen,
aber wahrscheinlicher ist es, dass damit "comte" gemeint ist, denn
Steinle wurde durch seine künstlerischen Leistungen 1879 in den Ritterstand
erhoben.
Weit über 500 Werke sind von Eduard Jacob von Steinle bekannt. Neben seinen
87 Ölgemälden, wovon 48 Werke in deutschen Museen z. Zt. aufbewahrt
werden, sind noch
eine Vielzahl von Zeichnungen, Aquarelle, Radierungen und Wandmalereien bei Boetticher erfasst.
Anmerkung vorweg: Der in kursiver Schrift oder/und [eckige] Klammer gesetzte
Text bezieht sich auf:
"Alphons M. v. Steinle, Edward von Steinle: Des Meisters Gesamtwerk in
Abbildungen, Kempten/München 1910" .
Zu allen externen Bildern u. Quellen, s.
Links und Literatur unten -->>
In der von seinem Sohn Alphons 1910 veröffentlichen Bildersammlung des
Vaters heißt es: "..... und endlich die ,,Madonna unter den
Blüten", das um 1884 gemalte Ölbild seiner nach seiner Meinung seine
Auffassung der ,"Gottesmutter" am besten wiedergebende
Madonnendarstellung...." [S. XIII] Sohn Alphons verweist hier auf Abb.
157, es ist das Aquarell von 1878, "Madonna an der Mauer"* .
Angekauft wurde 1887, von der Kgl. Nationalgalerie in Berlin, das Bild „Madonna unter den
Blüten" dass, "... wie es der Künstler selbst nach
dem in dieser Ausführung angebrachten blühenden Apfelbaume genannt hat. ..",
[Anhang S.9]. Diese Gemälde mit den Maßen 1,35 x 1,85 m. ist dann in den Wirren
des II. Weltkrieges 1945 verschollen.
Als sehr ähnliches oder fast identisches Motiv, dass dann auch offensichtlich
als Vorlage zum ebengenannten Aquarell,
"Madonna an der Mauer" von 1878 [ Abb. 157 ], diente, ist das Bild
mit dem Titel: "Die junge Muttergottes unter dem blühenden Apfelbaum" von
1860 mit den Maßen 51 x 67,5 cm, heute in der Neuen Galerie in
Kassel zu sehen. Alle bisher genannten Bilder werden oben begrenzt durch einen
halbrunden Abschluss.
* Anm: Vergleiche auch Albrecht Dürer (auch Johann Friedrich Overbeck) Bilder
mit dem Titel "Madonna an der Mauer". Das übergeordnet Thema
"Maria im Garten" oder "Madonna im Grünen" wurde seit dem frühen 16.Jh.
wieder verstärkt aufgegriffen.
Besonders bei den Städtern waren die Bilder von der "Natur als Gottes Werk"
ein begehrtes Motiv der Andacht. Die aus dem irdischen nicht enthobene Maria
soll in "Wahrheit und Reinheit strahlen und nicht durch äußeren Prunk".
(Eschenburg S. 24).
Vielleicht in diesem (auch in einem erneuernden) Sinn versteht Steinle 1884
seine "Maria unter den Blüten" und bezeichnet es deshalb als eines seiner
besten Madonnenbilder. Über 40 mal hat sich Eduard Jacob von Steinle
als sog. "Madonnenmaler" mit der Thematik der Marien- oder
Madonnendarstellung befasst. Mit diesem Motiv beschreibt er einen religiösen
Zugang über das Weibliche, zeichnet aber auch sein Bild der Frau in seiner
Zeit. |
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Die Arm- und Handhaltung der Mutter Maria ist
eine in der Malerei bekannte Geste. Mit den andächtig gekreuzten Armen
drückt der Künstler ein tiefe Beziehung zur göttlichen Botschaft aus. Bei
Dürer kennen wir diese Haltung, z. B. bei der »Verkündigung
des Todes an Maria«. Jedoch statisch und unharmonisch erscheint
der ausgestreckte Arm und die Hand des Jesuskindes, das seiner Mutter eine
Lilie reicht. Besonders merkwürdig auch die Hand- bzw. Fingerdarstellung,
sie erinnert an die "Hörnergeste" (s. a. "Mano cornuto") Diese
Handdarstellung entspricht in ihrer Darstellung nicht der traditionellen
Segnungsgeste, wie sie seit jeher bekannt war. Aber als ein Maler der
katholisches "alten Geistes" auszudrücken versucht,
um "..´bewusst in der Absicht, nicht von der Tradition zu weichen... " [S. XIV]
und "...strengstens an die kirchliche Tradition gehalten..." [XV]
sein Malerwerk versteht, wird Steinle diese besondere Fingerhaltung aus älteren, christlichen-orthodoxen Darstellungen
bekannt gewesen sein. In seinen frühen Zeichnungen findet sich eine ähnliche Fingerhaltung, jedoch nicht so konsequent wie hier im
Jahr 1884 [s. Josua und Adam Abb. 10 u. 20 ]. Offensichtlich verwendet er
diese Geste im Sinne einer "katholische Wahrheit", obwohl diese
Geste zu seinen
Lebzeiten eher schon negativ besetzt war. |
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..... die Überzeugung, dass das Bild
nicht nur nicht gegen die Natur verstoßen dürfe, sondern vielmehr nicht,
ohne sich an die Natur zu halten, zustande kommen dürfe. Und er hat die
Natur nicht nur scharf beobachtet, sondern auch liebevoll bis ins kleinste
studiert, um im Bilde wahr zu sein. Welches Naturstudium zwischen den ersten
Entwürfen und ausgeführten Bildern liegt,..." -- " ...als ich einmal
gegenüber einem fertigen Aquarell bemerkte, dass man an dem Mantel eines auf
demselben Dargestellten erkennen könne, dass er aus Samt sei: „Willst Du
nicht auch einmal probieren, ob er sich samtartig anfühlt?" fragte er...."
[ Zitate aus S. XVI u. XVII ]
Beutekunst ?
Unter www.lostart.de sucht die Koordinierungsstelle in Magdeburg nach
vermissten Kulturgütern, die in Folge des II. Weltkrieges verschollen
sind. Darunter befindet sich das Bild "Madonna unter den Blüten" von Edward
Jacob von Steinle aus dem Jahr 1884, mit den Maßen 135,0 x 185,0 .
Neben der angebenden Größe unterscheidet sich das gesuchte Bild durch einen
halbrunden Abschluss.
Ansonsten sind weitere Unterschiede nicht eindeutig erkennbar. Die dort
gezeigte fotografische Abbildung wurde wohl Anfang des 20. Jhd.
aufgenommen. Die Abbildung ist relativ unscharf, scheint überstrahlt, außerdem wird
die damalige orthochromatische Emulsion mit der die Filme beschichtet waren,
noch nicht auf die richtige Tonwertwiedergabe "sensibilisiert" gewesen sein.
Die Grüntöne erscheinen hier in dieser Aufnahme offensichtlich heller als wir sie in
Wirklichkeit sonst wahrnehmen. Diese drei Faktoren (Unschärfe,
Farbverschiebung u. Überstrahlung) erschwerten den Vergleich, auch könnte
eine fotografisch bedingte Verzerrung das Original abgeändert haben
Zur Abbildung unten:
Dies ist eine SW-Darstellung des Flohmarktbildes, bewusst mit einer
Unschärfe versehen. Ziel war es, dem in Berlin verschollenem Bild so nahe wie möglich zu
kommen. Über den Rechner wurde es mit dem gesuchten Bild verglichen. Beide
Gemälde konnten an den vier Passkreuzen, wie eine Folie, genau "übereinander" gelegt werden.
Es ergaben sich in diesem Vergleich der beiden Bilder nur sehr geringe Abweichungen,
so dass noch keine eindeutige Aussage möglich war, quasi nach der Devise "Original oder
Fälschung".
Der nächste Schritt war der möglichst genaue Vergleich von einzelnen
Bildelementen und Details:
Die Blütensetzungen (Pkt.1, 7, 9), die im Berliner Bild offensichtlich
fehlen, sind der erste markante Hinweis, dass es sich um das gesuchte Bild
nicht handelt. In unserem Bild, ansonsten offensichtlich eine genaue Kopie,
wurden sie vermutlich später hinzugefügt, auch der ausgesparte Rundbogen
wurde nun mit Blüten des Baumes und Atmosphäre des Himmels ergänzt. Unter
Berücksichtigung der oben erwähnten fotographischen Besonderheiten fehlte
aber noch der eigentliche Beweis.
Eindeutig ist der tatsächliche Beweis nur in Punkt 4 und Punkt 2 zu
finden. Der dunkle Erdfleck bei Nr. 4 unter der Mantelfalte im verschollenen
Original befindet sich weiter links. Der Mittelfinger der Madonna ragt dort
auch in die Mantelfalte hinein und berührt ihn nicht nur. Dies sind dann
kleine Details, die nicht durch reprotechnische Einflüsse entstehen können.
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Das große, seit 1945 verschollene Bild „Madonna unter den
Blüten" (1,35 x 1,85 m), erwarb die Nationalgalerie 1887, gemalt wurde
es 1884. Eduard Jacob von Steinle starb am 18.9.1886. Das Bild befand sich
also zu seinen Lebzeiten, möglicherweise etwa 2 Jahre lang, noch in seinem Atelier. Es ist durchaus möglich,
dass in dieser Zeit eine halb so große 2te Ausfertigung als Duplikat, mit
den Maßen 70 x 90 cm., in Auftrag gegeben wurde, dass dieses "Flohmarktbild"
also später entstanden ist.
Diese sorgfältig erstellte Kopie wurde aber dann offensichtlich noch etwas verfeinert, vielleicht auf Wunsch des Kunden, ohne
Rundbogen und mit etwas mehr Blütenschmuck ausgestattet.
Da aber sonst fast alles detail- und maßgenau, auch die oben besprochene Geste,
vom später vermissten Berliner Bild sorgfältig übernommen wurde, ist davon
auszugehen, dass auch die Farbgebung nicht wesentlich verändert wurde.
Dies ist aber nur eine Vermutung.
Alphons M. von Steinle "....die meisten seiner
Schöpfungen gingen direkt von der Staffelei in Privatbesitz über ... "
[Seite V]
(kls - Mai 2010)
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Externe Links (Neues Fenster)
http://www.deutsche-biographie.de/
www.archive.org/
Des Meisters Gesamtwerk in
Abbildungen 1910, Alphons M. von Steinle (PDF, 60Mb)
http://www.archive.org/stream/... daraus "Madonna an der Mauer" (Abb.
157)
www.lostart.de/
www.lostart.de
( ...das vermisste Berliner Bild: "Madonna unter den Blüten")
www.malerei19jh.museum-kassel.de/
Museumslandschaft Kassel
(Kassel: "Die junge Muttergottes unter dem blühenden Apfelbaum")
--
http://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_Jakob_von_Steinle
www.old-master-drawings.com/lesoublies/purgatoire.htm
-
www.uni-stuttgart.de
Etymologien von Gesten
http://de.wikipedia.org/wiki/Mano_cornuto
--
http://www.findartinfo.com/german/default.asp
Literatur:
- Internationales Verzeichnis der Monogramme bildender Künstler des 19. und
20. Jahrhunderts /Pfisterer, Paul 1995
- Die Monogrammisten und diejenigen bekannten und unbekannten Künstler
aller Schulen. G.K.Nagler, München 1859 -79 (s. 1122)
- Edward von Steinle: Des Meisters Gesamtwerk in Abbildungen. Herausgegeben
von Alphons M. von Steinle. München 1910.
- Friedrich von Boetticher: Malerwerke des 19.Jahrhunderts, Beitrag zur
Kunstgeschichte.1891 - 190, Nachdruck 1979.
- Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der
Antike bis zur Gegenwart, Thieme/ Becker
- Gemälde in deutschen Museen,
1994 , Hans F. Schweers,
- Landschaft in der Deutschen Malerei, Barbara Eschenburg 1987, C.H. Beck,
München,
- Die magischen Heil- und Schutzmittel aus der belebten Natur, Siegfried
Seligmann, Stuttgart 1927
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