Das Kannenbäckerland und seine Ausstrahlungen
Franz Baaden,
aus: “DIE SCHAULADE” Mai 1981, (erschienen auch als Sonderdruck) 

Der Name «Kannenbäckerland» – vereinzelt früher auch «Krug- und Kannenbäckerland» genannt – wird erstmalig in einem Gutachten vom Jahre 1786 erwähnt. Mit diesem Namen bezeichnete man ursprünglich eine Region im vorderen Westerwald, in der in einem «Radius von 5 Meilen um Grenzhausen» seit Jahrhunderten zahlreiche tonverarbeitende Betriebe auf engstem Raum konzentriert sind.
Im Jahre 1771 waren es nicht weniger als 600 Töpfereien, die dort das überlieferte Handwerk betrieben. Sie konnten auf eine lange Tradition zurückblicken, denn schon in vorgeschichtlicher Zeit wurde hier getöpfert, wie eine Reihe von Funden aus der Hallstattzeit und weitere Funde aus der Zeit der Kelten und Römer beweisen.

Voraussetzungen für das Töpfergewerbe
Entscheidend für die Entwicklung der Keramik im «Kannenbäckerland» war, daß sich hier ausgedehnte Lager wertvoller Tone vorfanden. Die zweite wichtige Voraussetzung waren die hier vorhandenen reichen Holzbestände auf großen zusammenhängenden Waldflächen, die das erforderliche Feuerungsmaterial zum Brennen der Tonwaren lieferten. Ein Drittes kam hinzu: von Süden heraufkommend, führte eine alte Salzhandelsstraße durch das «Kannenbäckerland», unmittelbar an Ransbach-Baumbach und Mogendorf vorbei.
In einer alten Urkunde des Montabaurer Zehntbezirkes des Stiftes St. Florin (Koblenz) vom Jahre 959 wird sie als´«saltres strazza» = Sälzerstraße bezeichnet. Auf diesem Weg kam in späteren Jahrhunderten (etwa seit 1450) das für die Salzglasur benötigte Salz in das «Kannenbäckerland».
So bildeten der Reichtum an hochwertigen Tonen und Holz und später die günstige Versorgung mit Salz für den Salzbrand die besten Voraussetzungen dafür, daß sich hier ein im wahrsten Sinne des Wortes «bodenständiges» Handwerk entwickeln konnte.

Ausgrabungsfunde aus früherer Zeit
Über das im frühen Mittelalter im «Kannenbäckerland» hergestellte Steinzeug haben in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Ausgrabungsfunde auf der Burg Grenzau, in Höhr-Grenzhausen und Ransbach-Baumbach näheren Aufschluß gebracht. Danach wurde in den «Kannenbäcker» -Orten im 13. und 14. Jahrhundert bereits sogenanntes Vorsteinzeug bzw. frühes Steinzeug hergestellt. Hiervon wurden bei Kanalisationsarbeiten in Höhr-Grenzhausen ganze Ofenbesätze – teilweise mehrere übereinander gelagert – ans Tageslicht gefördert, wobei es sich durchweg um Fehlbrände handelte.
Darunter fanden sich zahlreiche kleine Tonbecher, mit einer Art Lehmglasur überzogen und mit dem charakteristischen Wellenfuß versehen. Ähnliches Frühsteinzeug von gleicher Qualität kannte man vorher in der Hauptsache von dem alten Töpferzentrum Siegburg. Die Ausgrabungsfunde beweisen, daß nicht erst die berühmten Töpfermeister von Siegburg und Raeren, die um 1586 in das «Kannenbäckerland» einwanderten, das Steinzeug und die Töpferkunst hier eingeführt haben!

Aufteilung in verschiedene Herrschaftsgebiete
Nach einem frühen Weistum der Herrschaft Vallendar von 1402 durften in Höhr nicht mehr als 3 «Ullenowen» = Eulerofen gebrannt werden. Höhr gehörte damals zur Herrschaft Vallendar, die den Grafen von Sayn- Wittgenstein zueigen war.
Diese verpfändeten später die Hälfte der Herrschaft und verkauften sie schließlich an Kurtrier. Daher kommt es, daß die Euler von Höhr und Vallendar seit dieser Zeit ihre «Ofenabgabe» von l Reichstaler pro Ofen sowohl an das Kurfürstentum Trier, als auch an die Herren von Sayn-Wittgenstein leisten mußten.
Politisch war das «Kannenbäckerland» zersplittert, da es im Mittelalter in vier verschiedene Herrschaftsbezirke aufgeteilt war. Die «Kannenbäcker»- Orte Höhr, Hillscheid und Vallendar gehörten – wie bereits erwähnt -, je zur Hälfte zu Sayn-Wittgenstein und Kurtrier; Ransbach, Baumbach, Grenzau, Breitenau, Deesen und Nauort bis 1664 zu Isenburg-Grenzau; Grenzhausen, Alsbach, Hundsdorf, Hilgert, Mogendorf und Nordhofen zur Grafschaft Wied- Neuwied; Bendorf und Weitersburg zu Sachsen-Eisenach bzw. zu den Herren von Metternich.
Die isenburg- grenzauischen Orte kamen 1664 zu Kurtrier; später auch die ganze Herrschaft Vallendar.

Da die einzelnen Landesherren schon früh die Bedeutung des mächtig aufblühenden Töpfergewerbes erkannten, ließen sie den in ihren Herrschaftsbezirken ansässigen Töpfern jede Förderung zuteil werden. In der Frühzeit wurde im «Kannenbäckerland» hauptsächlich einfaches Gebrauchsgeschirr für den Alltag hergestellt. Daneben wurden vereinzelt auch kunstvolle Kannen und Krüge gefertigt. Die ältesten erhaltenen Wappenkrüge aus dem «Kannenbäckerland» stammen aus der Zeit um 1550.

Einwanderung fremder Meister
Einen entscheidenden Auftrieb erhielt das Töpfergewerbe Ende des 16. Jahrhunderts durch die Zuwanderung mehrerer bekannter und berühmter Töpfermeister aus den Zentren des rheinischen Steinzeugs.
So zog 1586 aus der Töpferstadt Siegburg, nachdem die Töpferwerkstätten in der Aulgasse von den Spaniern niedergebrannt worden waren, der Meister Anno Knütgen nach Höhr, zusammen mit seinen Söhnen Bertram und Rütger. Wegen Streitigkeiten mit den Einheimischen zog Bertram 1614 nach Grenzau, wo ihm Graf Ernst von Isenburg- Grenzau einen Bauplatz schenkte. Anno Knütgen wurde Stammvater der im «Kannenbäckerland» heute noch weit verbreiteten Töpferfamilie Knödgen.
Gleichzeitig wanderte 1586 aus Ivoy in Lothringen der Hafnergeselle Jakob Remy in Grenzhausen ein. Er heiratete dort 1595 die Witwe Wingender und wurde als Töpfermeister in Grenzhausen der Stammvater der Töpfer-Dynastie Remy. Diese gründete vor allem in den wiedischen Orten Grenzhausen, Hilgert, Alsbach, Mogendorf und Nordhofen zahlreiche neue Töpfereien.
Von dem rheinischen Steinzeug-Zentrum Raeren bei Aachen siedelte 1595 der Meister Johann Mennicken nach Grenzau, von wo er 1600 nach Grenzhausen weiter zog. Mit ihm kamen Wilhelm und Leonhard Mennicken aus Raeren. Die drei Töpfermeister wurden die Stammväter der zahlreichen Töpferfamilien Menningen im «Kannenbäckerland».
Von Raeren zog 1593 außerdem der Meister Johannes Kalb nach Grenzau. Nach Grenzhausen wanderte Hermann Kalb als Geselle ein. Dieser ließ sich 1602 als Meister in Vallendar nieder. Weitere Mitglieder der weit verzweigten Töpferfamilie Kalb wurden in Ransbach-Baumbach ansässig, andere in Hillscheid.

1601 arbeitete in Sayn ein weiterer Töpfermeister von Raeren namens Baldem Mennicken, der sich auch «Meister Jan» nannte. Seine Nachkommen, die sowohl in Sayn wie in Ransbach ansässig waren, führten den Vornamen Baldem als Familiennamen weiter.
Mit den Töpferfamilien Mennicken und Kalf zogen um 1600 auch die Willems in das «Kannenbäckerland». Sie stellten in Höhr blau-graue Steinzeug-Kunstware in der Raeren- Grenzhausener Art her.
Kurz danach zogen Angehörige der Töpferfamilie Willems nach Ransbach. 1632 siedelten die Töpfer Leonhard und Johann Blum aus Raeren in das «Kannenbäckerland» über. Ihnen folgte die Töpferfamilie Wilhelm Schwaderlapp aus Raeren, welche sich 1654 in Grenzhausen niederließ, von wo einzelne Familienangehörige nach Höhr weiter zogen.

Waren für die Abwanderung der Siegburger Meister zum «Kannenbäckerland» vor allem kriegerische Ereignisse (Spanier 1586; Schweden 1632) maßgebend, so war für den Zuzug der Raerener Meister in erster Linie die damalige Anziehungskraft des «Kannenbäckerlandes» ursächlich. Es hatte sich längst in den verschiedenen Töpferzentren herumgesprochen, daß hier die hochwertigsten Tone lagerten, besonders für die Herstellung von Steinzeug.
Während die alten rheinischen Töpfer-Metropolen immer mehr zurückgingen, entwickelte sich das Töpfergewerbe im «Kannenbäckerland» zur höchsten Blüte, wesentlich gefördert durch den Zuzug der namhaftesten Meister ihrer Zeit. Das Überraschende ist, daß diese sprunghafte Aufwärtsentwicklung im «Kannenbäckerland» mitten im 30- jährigen Krieg stattfand, dessen Ende in den einzelnen «Kannenbäcker» – Orten oft nur noch ein halbes Dutzend bis ein Dutzend Familien überlebten! In dieser Blütezeit, an die uns viele einmalig schöne Steinzeug- krüge und Prunkkannen von höchster Vollendung in unseren Museen erinnern, überflügelte das «Kannenbäckerland» alle anderen Steinzeugzentren.

Wappen der Kannenbäckerzunft von 1717.
Schon über 120 Jahre waren die Kannenbäcker hier in einer gemeinsammen Zunft zusammengeschloßen.
Das Wappen zeigt die 4 Herrschaftsgebiete: Sayn- Wittgenstein,  Isenburg- Grenzau, Grafschaft Wied-Neuwied und die Herren von Metternich. 1741 gehörten der Zunft über 200 Euler aus 12 Ortschaften im Kannenbäckerland an. (kls_2020)

Fortsetzung folgt …